Architektouren 2021

Einen Einblick in den Modulbau gewinnen: MRE Haus für Kinder und Hort in München

Endlich ist es soweit: Am 26. und 27. Juni finden die Architektouren 2021 statt! Aufgrund der pandemischen Ausnahmesituation wird die Veranstaltungsreihe wie das Jahr zuvor in den digitalen Raum verlegt. Das Büro Claudia Schreiber Architektur und Stadtplanung GmbH nimmt mit zwei Projekten teil. Die Besonderheit der Projekte besteht in ihrer Bauweise aus mobilen Raumeinheiten (MRE). Die Bauten entstanden in den Jahren 2019 und 2020, im Rahmen der Schulbauoffensive der Stadt München. Einrichtungen aus modularen Einheiten fungieren als intermediäre Zwischenlösung , um dem wachsenden Kapazitätsdruck auf städtische Schul- und Betreuungseinrichtungen nachzukommen.


Bei den Wettbewerbsprojekten handelt es sich um das Haus für Kinder in der Plecherstraße und der 4-gruppige Hort in der Kopischstraße. Neben der klaren Ordnung der Bauelemente im modularen System tragen die Baustoffe in ihrer materialgerechten Verwendung und in ihrem natürlichen Ausdruck zur Erscheinungsform bei. Die Farbigkeit wird vorgegeben durch ein Wechselspiel der verschiedenen Holzelemente mit den ruhigen klaren Öffnungen der großen Fenster. Starke Bezüge zwischen Innen und Außen können entstehen. Im Inneren spielen die Lichtführungen, die Raumakustik und die frische Luft eine wichtige Hauptrolle. Das Zusammenwirken aller Elemente in einem ausgewogenen Proportionssystem von Flächen und Räumen verbinden sich zu einem einheitlichen Ganzen. Mit diesem Bauwerk sind wesentliche Aspekte nachhaltigen Bauens verfolgt und umgesetzt worden. Wie die Umsetzung erfolgte, erfahren Sie von Claudia Schreiber persönlich unter folgendem Video-Link:


https://vimeo.com/manage/videos/564628232


Unsere Beiträge auf der Homepage der Architektouren 2021 können Sie unter https://www.byak.de/planen-und-bauen/projekt/haus-fuer-kinder-in-modulbauweise-muenchen.html und https://www.byak.de/planen-und-bauen/projekt/hort-4-gruppig-in-modulbauweise-muenchen.html einsehen.

Alle weiteren Informationen zu den Architektouren finden Sie auf der Website der Ausrichterin, der Bayerischen Architektenkammer (BYAK), zu erreichen unter

www.byak.de/architektouren

Der weibliche Blick auf die Stadt - oder: einfach nur eine "Stadt für Alle"?
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Der weibliche Blick auf die Stadt - oder: einfach nur eine "Stadt für Alle"?

Genderinklusion im Städtebau



Wer versucht, die Begriffe „geschlechtergerechte Stadt“ und „feministische Stadtplanung“ in ein plastisches Abbild zu überführen, denkt womöglich zunächst an Frauenparkplätze. Dass dies tatsächlich einen Versuch darstellt, das Parkraummanagement den Bedürfnissen (junger) Frauen bzw. Müttern anzupassen, ist unbestreitbar. Doch genau so, wie die Freihaltung gesondert ausgewiesener Plätze oftmals an mangelnder Solidarität und Rücksichtnahme scheitert, ist Voraussetzung eines an weibliche Bedürfnisse adaptierten Stadtraumes die vorausgehende Sensibilisierung der breiten Bevölkerung.


Doch was genau sind „weibliche Bedürfnisse“? Um eine Differenzierung vorzunehmen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Die wiederaufzubauenden Städte der Nachkriegszeit folgten, unter dem Eindruck der Charta von Athen, dem Leitmotiv der Funktionalität. Stadtplaner und Architekten segregierten den urbanen Raum in voneinander getrennte Bereiche: Wohnen – Einkaufen – Arbeiten – Freizeit. Einfamilienhäuser und Wohnblöcke entstanden zumeist an der städtischen Peripherie, während die Arbeitsplätze im Ortsinneren angesiedelt wurden – dazwischen erheben sich seit den 1970er Jahren große Einkaufszentren. Für München sind exemplarisch das Olympia-Einkaufszentrum oder das Pep-Neuperlach zu nennen, jeweils in unmittelbarer Nähe zu den (ehemals landwirtschaftlich genutzten) Siedlungsgebieten Hasenbergl, Feldmoching und Neuperlach.


Den modernistischen Ambitionen der Planer unterlag jedoch ein „von Männern für Männer“- Duktus, welcher - entfernt von Lebensrealitäten - bis in die heutige Zeit hinein wirkt: Bürgersteige sind zu schmal, um Kinderwägen problemlos rangieren zu können, Ampelphasen sind zu kurz, um die Straße rechtzeitig mit Kind & Kegel zu überqueren. Den Verantwortlichen fehlte oftmals der Weitsinn, um öffentliche Plätze, Unterführungen oder Straßenecken gut einsehbar und ausreichend hell zu gestalten. Angsträume entstehen insbesondere nachts, wenn sich Frauen beobachtet fühlen, nicht einschätzen können, wer sich hinter der nächsten Straßenbiegung aufhält, oder sich auf dem Weg nach Hause dunkle Seitenstraßen öffnen. Der ÖPNV kommt den Anforderungen einer geschlechtergerechten Beförderung ebenfalls nicht nach: Haltegriffe sind, wie Module in vielen öffentlichen Gebäuden, zu hoch angebracht, der Platz für Kinderwägen oder Kinderfahrzeuge ist zu knapp bemessen. Weit verbreitet besteht Unsicherheit seitens Frauen und Mädchen, wenn diese abseits der Stoßzeiten vergleichsweise leere Beförderungsmittel benutzen müssen. Erwähnenswert ist, dass die Mehrheit der Autofahrer männlichen Geschlechts ist (im Männer-Frauen-Verhältnis ca. 60:40), was verkehrstechnische Defizite noch stärker zu Tragen kommen lässt. Die Kinderschutzorganisation Plan International initiierte das Projekt „Safer Cities Map“ in welchem persönliche Erfahrungen von NutzerInnen Eingang in Übersichtskarten finden – auch München existiert ein Plan, welcher Nachbesserungsbedarf veranschaulicht. Weitere Aspekte geschlechtsangepassten Planens betreffen Freizeitaktivitäten im städtischen Raum und Fragen der Hygiene. Öffentlich zugängliche Frauen-Toiletten sind Studien zufolge öfter defekt als Anlagen für Männer, nicht absperrbar oder unzureichend ausgestattet.


Gender Planning, zu Deutsch ‚(geschlechter-) inklusive Stadtplanung‘, etablierte sich als wissenschaftliche Disziplin in den 1970er Jahren, vor dem Hintergrund der zweiten Welle der Frauenbewegung. Den öffentlichen Diskurs bestimmt der Fachbereich maßgeblich seit den 1990er Jahren, als empowerment (die soziale, ökonomische und politische Bestärkung von Frauen) und gender mainstreaming (die Konzeption und Implementierung geschlechterinklusiver Programmatik) zum festen Bestandteil internationaler und nationaler Politik avancierten. Der Münchener Stadtrat setzt die vor Jahrzehnten begonnene Diskussion zur geschlechtsspezifischen Anpassung des öffentlichen Raumes fort. 1991 gründete sich die Kommission „Frauen in der Stadt“, welche frauenspezifischen Belange im Städtebau als kommunales Gremium kanalisiert. Im Februar 2021 wurde, auf Initiative der regierenden Fraktionen, eine neue Direktive in der Verkehrsplanung angestoßen, welche auf die Interessen von Frauen und körperlich eingeschränkten Verkehrsteilnehmern eingeht. Die Vorwürfe der Opposition, dadurch bestehende Rollenbilder zu verfestigen, sind angesichts des Nutzengewinns für alle Akteure im urbanen Raum zu vernachlässigen. Kurzum: Ob der Kinderwagen von einer Frau, einem Mann, oder eine/r Transgender geschoben wird – der Platzbedarf bleibt letzten Endes unverändert.


Wien gilt als Vorreiter in punkto feministischer Stadtplanung, so gibt es seit den 1980er Jahren eine städtische Abteilung für geschlechtssensibles Bauen und Gestalten. Der zeitliche Vorsprung äußert sich durchaus positiv, wie Initiatorin und Wiener Stadtplanerin Eva Kail in einem Interview mit dem NDR erklärt. Die Stadt schaffe „Viertel für Alle“, „Was man hier sehr schön sieht, ist auch eines der Gestaltungsprinzipien: Dass Wegerelationen, sogenannte Wunschgehlinien direkt in der Parkplanung aufgenommen werden. Wenn ich einen Park durchqueren muss, dass ich dann auch wirklich den direkten, geraden, gut ausgeleuchteten Weg anbiete. Dass ich für die Hauptwege Übersichtlichkeit habe." Spielplätze müssen in (Sicht-)Nähe zu Wohnungen liegen, um Familien eine bessere Alltagsinfrastruktur zu bieten. Für optimale Resultate im urban planning stehen Fußgänger, ansässige Geschäftsleute, Obdachlose in einem Austauschprozess mit den Stadtplanern und äußern etwaige Ängste und Vorschläge. Um alle BürgerInnen, vor allem Zugezogene bzw. jene mit Migrationshintergrund, zu erreichen, werden AnwohnerInnen gezielt befragt, Workshops vor Ort organisiert und Betroffene zusätzlich in digitale Formate eingebunden. Obwohl in der Planungsphase zeitintensiver, machen sich gendergerechte Vorhaben während des Projektzyklus bezahlt –Kosten für Vandalismus sinken, Ältere und jüngere Menschen bewegen sich unabhängiger im urbanen Gebiet, Familie und Beruf sind besser vereinbar. Zeitgleich zum Kurswechsel in der Wiener Stadtplanung begann Claudia Schreiber, die Neugestaltung von urbanen Räumen zu begleiten. „Eine optimierte Durchwegung von Ortskernen, großzügige Aufenthaltsflächen mit Sitzgelegenheiten, Wasserspiele und Spielplätze, breite Fußwege und Mischflächen zur Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer – das sind tatsächlich solide Mittel, um Städte gerechter zu strukturieren“, präzisiert die Architektin.


Die ‚Stadt für Alle‘ – sie könnte bald Geschichte schreiben.


Quellen:
Groll, T. (2021): "Wir müssen das Dorf zurück in die Stadt bringen". In: Die Zeit, https://www.zeit.de/mobilitaet/2021-02/stadtplanung-wien-eva-kail-gender-planning-frauen (erschienen am13.02.2021).


Platzer, M. (2016).: Ende eines Dogmas. Die Funktionale Stadt revisited. In: dérive Nr.63 (Apr-Jun. /2016)., online verfügbar unter https://derive.at/texte/das-ende-eines-dogmas-die-funktinoale-stadt-revisited/.


Redl, B. (2021): Gender Planning: Architektur, die für alle passt. In: Der Standard, https://www.derstandard.de/story/2000115417936/gender-planning-architektur-die-fuer-alle-passt (erschienen am 07.03.2020).


Ricard, K. (2021): Gegen die Angst: Stadtplanung für Frauen. In: NDR, https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/kulturjournal/Gender-Planning-Stadtplanung-fuer-Frauen,genderplanning104.html (erschienen am 28.10.2020).


Rutkowski, M. (2021): Wie sieht die Stadt aus, in der sich Frauen und Männer ebenso wohlfühlen?. In: Die Welt, https://www.welt.de/icon/iconista/article221422440/Was-ist-Gender-Planning-Gerechte-Stadtentwicklung-fuer-alle-Geschlechter.html (erschienen am 02.01.2021).


Schubert, A (2021).: Rathauskoalition fordert gendergerechte Verkehrsplanung. In: Süddeutsche Zeitung, https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-verkehrsplanung-geschlechtergerechigkeit-1.5193198 (erschienen am 02.02.2021)


Schreyögg, F. (2003) Planen für Frauen und für Männer in der Stadt Umsetzung der Gender Mainstreaming Strategie in der räumlichen Planung. Gleichstellungsstelle für Frauen der Landeshauptstadt München, file:///C:/Users/CAD001/Downloads/Dokumentation%20Planen%20(2).pdf.


Stadt Wien (2021): Handbuch "Gender Mainstreaming in der Stadtplanung und Stadtentwicklung", https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/grundlagen/gender/ (Stand 26.02.2021).


UN Women (2021): Gender Mainstreaming. In: UN Women/UN system coordination: https://www.unwomen.org/en/how-we-work/un-system-coordination/gender-mainstreaming (Stand: 26.03.2021).

Quo vadis Innenstadt?
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Quo vadis Innenstadt?

Neue Betrachtungen des urbanen Raums im Spannungsfeld von Online-Shopping, Klimawandel und Mobilitätswende



Die Verabschiedung des Infektionsschutzgesetztes zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie jährt sich am 28. März. Ausgangssperren, Kontaktverbote, geschlossene Gastronomie sowie verwaiste Kultureinrichtungen sind seither und in unterschiedlichen Phasen der Lockerungen Bestandteil unseres Alltags. Die Einschränkungen führen dabei nicht nur zu psychosozialen Veränderungen und angepassten kulturellen Codes, sondern prägen parallel die Wahrnehmung und Nutzung des innerstädtischen Raumes.


Die (notwendige) Trendwende im Städtebau begann nicht erst im Jahr 2020, vollzieht sich im Spiegel aktueller Ereignisse jedoch mit galoppierendem Tempo. Bereits vor über 10 Jahren wurden erste Marktanalysen durchgeführt, um dem prognostizierten Innenstadtsterben strategisch vorzubeugen. Heutzutage besorgt die verstärkte Konsumenten-Präferenz für Online-Shopping große Einzelhändler sowie Betreiber kleinerer, inhabergeführter Geschäfte gleichermaßen. Lösungsansätze liegen, wie einige erfolgreiche Beispiele zeigen, in der Verbindung von Shopping, Erlebnis und Emotionen. So können Feinkostläden Verkostungen anbieten, Bekleidungsgeschäfte Fotoboxen aufstellen, oder einen persönlichen (Internet-) Auftritt wagen. Ziel ist, dass die Bindung zwischen Kunde und Einzelhändler intensiviert wird.
Ebenso ist ein modernes und attraktives Warenangebot A & O jeder wettbewerbsfähigen Geschäftseinheit. Nachhaltigkeit, Regionalität und Selbstgemachtes („DIY“) stehen inzwischen bei vielen Verbrauchern hoch im Kurs. In sogenannten Pop-Up Stores, welche von Monat zu Monat variabel genutzt werden können, variiert das Produktsortiment je nach Ausstatter und lokalem Absatz. Das gesellschaftlich gesteigerte Bewusstsein für die Endlichkeit natürlicher Ressourcen macht weitere Konzepte, wie Tausch- und Flohmarktläden, attraktiv.


Anstatt Internetverkäufe mit Argwohn zu betrachten, sollten Einzelhändler die synergetischen Effekte von stationärem und Online-Handel nutzen: Click & Collect, das Bestellen von Waren zu naheliegenden Geschäften, wird von der breiten Masse als neuer Verbraucherservice sehr gut angenommen. Novi im Service- und Angebotsbereich sind zu treffen, indem Läden zu Mikroverteilzentren (Micro Hubs) für Pakete werden: Neben der Erlebnissteigerung wirkt sich dies, einem Strategiepapier des Netzwerks „Zukunft des Einkaufens“ zufolge, positiv auf die Kundenfrequenz aus.


Wenn Bauherren, oftmals die Kommune selbst, neue Einheiten zur Gewerbe- oder Mischnutzung planen, sollte grundsätzlich auf Variabilität geachtet werden. Dass der Grundriss in gewerblich genutzten Etagen möglichst offen gestaltet sein sollte, ist beste Voraussetzung für die nutzungsbezogene Adaption. So könnte eine Markhalle neben einem Büro für Gründerberatung, einem Co-Working-Space oder einem E-Mobilitäts-Center erdgeschossig angeordnet werden.


Eines ist allerdings klar zu stellen: Die Zukunft der Innenstädte bzw. Ortsmitten ist nicht dezidiert an eine Flexibilisierung und Attraktivierung des Einzelhandels geknüpft. Zentral ist eine Kombination dessen mit Produktionsstätten und bezahlbarem Wohnraum. Aktuelle Studien illustrieren, dass produzierendes Gewerbe, integriert in Innenhof-Werkstätten oder als Teil größerer, zentral gelegener Gebäudekomplexe, ein Besuchermagnet sein kann. Der soziale Wohnungsbau muss aus städtebaulicher Sicht anvisiert werden, zumal die jüngste statistische Auswertung des Deutschen Bundestags erkennen lässt, dass die Bundesregierung dem gesellschaftlichen Bedarf an leistbarem Wohnraum nicht erfüllt. Seit 2007 hat sich die Anzahl der Sozialbauwohnungen halbiert. Grund hierfür ist, dass nicht nur zu wenige Sozialwohnungen gebaut, sondern auch, dass in letzter Zeit viele Objekte aus der sozialwohnbaulichen Bindung (bzgl. Belegung/Preis, Aufhebung nach ca. 12- 20 Jahren) herausgefallen sind.


Der soziale Wohnungsbau ist eng mit dem Themenkomplex der städtebaulichen Dichte verbunden. Im Zuge der Industrialisierung entstanden Mietskasernen und Elendsbaracken, welche ihre Betitelung aufgrund viel zu knapp bemessener Wohnräume, ausbleibender Raumbelüftung, kleiner Innenhöfen und weitgehender Verschattung erhielten. Schließlich revoltierten die aus dem 1. Weltkrieg zurückgekehrten Soldaten und sorgten im Rahmen der Novemberrevolution für die ersten sozialen Wohnbauten. Die katastrophale Hygienesituation und rasante Seuchenausbreitung in Städten wie Berlin oder Hamburg, führte im 20. Jahrhundert zu neuen Paradigma im Städtebau mit einer Festlegung sinnvoller Abstandsflächen. Die Anfang 2021 neu gefasste Bayerische Bauordnung (BayBo) setzt letztere von 1,0/0,5 Gebäudehöhen (H) auf 0,4/0,2 H herab. Diese Änderung ermöglicht es bayerischen Städten und Gemeinden unter 250.000 Einwohnern - diametral zu historischen Erfahrungen - eine starke Nachverdichtung. Ob die von der BayBo festgesetzten Abstandsflächen gelten sollen, müssen Kommunen angesichts jeweiliger Standortfaktoren klug abwägen. Einige Gemeinden, wie Gauting oder Neufahrn bei Freising, haben bereits Satzungen als „Ausnahme von der Regel“ verabschiedet. Architektin und Stadtplanerin Prof. Dr. Ingrid Krau weist darauf hin, dass eine hohe städtebauliche Dichte das Covid-19-Infektionsgeschehen negativ beeinflusst hat. Exemplarisch verweist die Autorin von „Corona und die Städte: Suche nach einer neuen Normalität“ (2021) auf den Wohnkomplex Gratte Ciel in Villeurbanne bei Lyon, dessen Bewohnerstruktur eines beweist: Menschen aus prekären Lebens- und Wohnverhältnissen sind den gesundheitlichen Gefahren dichter Bebauung weiterhin verstärkt ausgesetzt.


Städtebauliche Dichte bedingt das lokale Meso- und Mikroklima. Größere Entwicklungen, wie die Erderwärmung samt extremer Wetterlagen, wirken ebenfalls auf den städtischen Raum ein. Dieser Tatsache sind sich Bund und Länder bewusst. Das Bundesministerium des Inneren bietet, ebenso wie das Bayerische Landesamt für Umwelt, offerieren elektronische Handreichungen zur bauplanerischen Bewältigung des Klima-Umbruchs. Klimaanpassungen sind mithilfe kompakter Bau- und Siedlungsformen, den Erhalt zusammenhängender Flächen in Gewässernähe, sowie durch den Einsatz klimafreundlicher Anlagen zur Energiegewinnung und - Versorgung umzusetzen. Nicht zuletzt wird darauf verwiesen, dass die Innenentwicklung selbst zum potentiellen Klimaretter wird. Eine planerische Konzentration auf den urbanen Bestand bzw. die Revitalisierung brachliegender Flächen im Ortsinnern kann verhindern, Baugebiete an bislang unversiegelten Ortsrändern aktivieren zu müssen. Fest steht, dass ein hoher Versiegelungsgrad die notwendige Frischluftzufuhr behindert, zur Aufheizung von Baustrukturen führt und den Oberflächenabfluss von Regenwasser erschwert. Dagegen sind begrünte Freiflächen (Parkanlagen etc.), extensive Fassadenbegrünungen, Biotop-Dächer und Dachgärten mit Aufenthaltsoption einem angenehmen Mikroklima zuträglich. Dass auf Nachhaltigkeit und Recycling-Fähigkeit von Baumaterialien geachtet werden muss, ist bereits in vielen Kommunen common sense.


Zur Abfederung klimatischer Veränderungen ist es essentiell, dass Einwohner ein ökologisch verträgliches Fortbewegungsmittel wählen können. Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, gibt einen perspektivischen Ausblick auf die Mobilitätswende, welche sich bis 2030 vollziehen und durch Effekte des Home-Office beschleunigt würde: Massenverkehrsmittel ersetzen dank infrastruktureller Verstärkung den motorisierten Individualverkehr im öffentlichen Straßenraum, mehr Flächen für Räder und Fußgänger würden geschaffen und es gibt eine andere Form der Parkraumbewirtschaftung. Multifunktionsstreifen figuieren - als integraler Teil von Mischflächen oder als getrennte Bänder neben der Fahrbahn - eine Alternative zu herkömmlichen Stellplätzen. KFZ können den Streifen für das kurzzeitige Parken sowie zum Be- und Entladen nutzen, ebenso ist es denkbar, diese Zonen für den Fahrradverkehr freizugeben oder temporär als Veranstaltungsfläche zu nutzen.


Unter dem Eindruck der Krise und eines grundsätzlichen „Klima des Wandels“ müssen Vertreter von Städten und Gemeinden herausarbeiten, in welche Richtung sich Ihre Ortsmitten entwickeln sollen. In einem Austauschprozess mit Bürgern und Interessensgruppen muss diskutiert werden, welche neuen Ansätze und Trends (öffentliche Raumgestaltung, Zukunft des Einzelhandels, Mobilitätswende, Klimaanpassung) vereinbar mit lokalen Bedürfnissen oder sogar essentiell für eine prosperierende Standortaufstellung sind.




Quellen

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Bayerisches Landesamt für Umwelt (2021): Klimafolgen und Anpassung im Städtebau, https://www.lfu.bayern.de/klima/klimaanpassung/bayern/staedtebau/index.htm.


BDA Denklabor (2020): #13 Aktuelle Herausforderungen für Städte und Kommunen – Chancen für Veränderungen (Podcast, veröffentlicht am 17.12.2020), https://bda-denklabor-dont-waste-the-crisis.stationista.com/bda-denklabor-13-aktuelle-herausforderungen-fuer-staedte-und-kommunen-chancen-fuer-veraenderungen_5fdb42903de7a034cf15747c.


Dr. Grobe, A. / Rissmann, M. (2017): Smart City Charta. Digitale Transformation in den Kommunen nachhaltig gestalten, https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/bauen/wohnen/smart-city-charta-langfassung.pdf?__blob=publicationFile&v=7


Fugmann, F. et al. (2019): Öffentliche Räume im Zentrum der Städte Nutzung, Bedeutung und Entwicklung, https://www.vhw.de/fileadmin/user_upload/08_publikationen/vhw-schriftenreihe-tagungsband/PDFs/vhw_Schriftenreihe_Nr._14_Oeffentliche_Raume.pdf.


Hedde, B. et al. (2020): Innenstädte als Besuchermagneten? Wie Frequenz und Leaderhöhung gelingen!, https://kompetenzzentrumhandel.de/wp-content/uploads/2020/06/innenstaedte-als-besuchermagneten_leitfaden.pdf.


IHK Erfurt (2021): Trends im Einzelhandel, https://www.erfurt.ihk.de/branchen/handel/trends-und-entwicklungen-im-handel/trends-im-einzelhandel--395320
Kaufmann, K. et al. (2020): Bündle und herrsche. Microhubs als Frequenzbringer für den Offlinehandel, https://kompetenzzentrumhandel.de/wp-content/uploads/2020/10/leitfaden_micro-hubs.pdf.


Krau, I. (2021): „Corona und die Städte: Suche nach einer neuen Normalität“, oekom verlag. München 2021.


Matthes, F./ Karten, M. (2011): Klimaschutz und Klimaanpassung im Stadtumbau Auswertungspapier der Bundestransferstelle Stadtumbau West, https://www.staedtebaufoerderung.info/StBauF/SharedDocs/Publikationen/StBauF/StadtumbauWest/Schwerpunktthema_Klima.pdf?__blob=publicationFile&v=1.


Schmidt, J. et al. (2013): Neue Mobilität Für die Stadt der Zukunft, https://www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2020/12/Neue_Mobilitaet_fuer_die_Stadt_der_Zukunft_Gesamtergebnisse.pdf


Foto: Tom Hirschmann - Marktstraße Wolfratshausen

Alles Neue macht Corona?
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Alles Neue macht Corona?

Überlegungen zur Interdependenz von Epidemien, Architektur und Städtebau

„Licht, Luft und Sonne“- das Motto der Bauhaus-Bewegung mag vielen Großstädtern während des mehrwöchigen Lockdowns als schmerzlich vermisstes Wohn- und Lebensideal erschienen haben. Besonders in urbanen Siedlungsgebieten zeigte sich, ob das eigene Wohnquartier den persönlichen Ansprüchen zur Vereinbarkeit von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Versorgung in Funktionalität und Ästhetik gerecht wird. Dient der Küchentisch als Arbeitsplatz? Wie weit ist der nächste Supermarkt entfernt? Erlauben es Gehwege und öffentliche Plätze, ausreichend Abstand zu wahren?


Schon zu Beginn der ersten Corona-Maßnahmen reflektierten Architekten, Architekturpsychologen und Stadtplaner, inwiefern sich der private und urbane Raum künftig anpassen muss, um den Bedürfnissen seiner Bewohner in Ausnahmezeiten nachzukommen.


Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die moderne Stadt als Reaktion auf hochansteckende Infektionskrankheiten, wie Thyphus und Cholera, seit Ende des 19.Jahrhunderts herausbildete. Verbreiterte Gassen, großzügige Grünflächen und die Errichtung einer Kanalisation verbesserten in London, Hamburg und Co. vor allem die Lebenssituation der sozio-ökonomisch abgehängten Arbeiterschicht, welche bis ins 20. Jahrhundert hinein in eng bebauten Elendsvierteln leben musste. 1898 entwickelte Ebenezer Howard das Prinzip der konzentrischen aufgebauten Gartenstadt, Le Corbusier veranlasste 30 Jahre später die Aufstellung der „Charta von Athen“, um Aufgaben des modernen Städtebaus zu erfassen. In den 1920er bis 1930er Jahren prägte die Bauhaus-Schule unter anderem die Gestaltungsform von medizinischen Einrichtungen und Nervenheilanstalten, Hygiene stand im Fokus architektonischer Überlegungen. Verwirklicht wurde das Sinnbild „Reinheit“ als lichtdurchflutete Raumgestaltung mit weißen Flächen, Edelstahl und klaren Kanten.


Wie kann krisenfeste Architektur und nachhaltige Stadtplanung im 21.Jahrhundert aussehen? Architekturkritiker Niklas Maack ist überzeugt, dass Menschen mit weniger Platz auskommen als angenommen. Ähnlich argumentieren Architektur-Studenten der UNCC, welche in Multifunktionsräumen mit flexibler Raumstruktur die Zukunft des modernen Wohnens sehen. Die Gastronomie könne, nach dem Vorbild asiatischer Restaurants, abtrennbare Räume schaffen, um Abstände zwischen Gästen sicherzustellen. In Anlehnung hierzu bezieht sich Architekt Jörg H. Gleiter auf das japanische Raumkonzept „Ma“, womit ein leerer Zwischenraum gemeint ist, und welcher Potential für das zukunftsnahe Bauen birgt. Folgt man Doris Kleilein und Friederike Meyer, Fellows des Thomas Mann House, bieten Städte alle Möglichkeiten, um Ausnahmesituationen Herr zu werden. Neben gut ausgebauter Infrastruktur seien Gemeinschafträume sinnvoll, „die man in Absprache mit der Nachbarschaft nutzen kann, sei es für Kinderbetreuung, Quarantäne oder Notfälle wie häusliche Gewalt.“


Maack hingegen stellt die Bedeutung staatlicher Rahmenbedingungen in den Vordergrund: Nur wenn die Politik die Kapitalisierung des Immobilienmarktes verhindere, könne das Bauen neu definiert werden. Dezentralisierung und das Ende von einheitlichen „Wohnkisten am Stadtrand“ seien erstrebenswert. Im Gegensatz zu Maack hält Architekt Jaques Herzog den Rückzug aufs Land für nicht praktikabel, „Das können sich die meisten Menschen gar nicht leisten, und es wäre dramatisch, die Ressource Landschaft und Natur durch die Ausdehnung der Siedlung weiter zu zerstören.“ Umweltaspekte, so zeigt sich in vielen Covid-19-bezogenen Diskussionen, kommen in der modernen Architektur besonders zum Tragen: Jedem Neubau ist eine Umnutzung vorzuziehen, Dachgärten garantieren ein angenehmes Mikroklima, Gebäudedämmung muss mit ökologisch verträglichen Materialien erfolgen. Umweltfreundlich, inklusiv und nicht zuletzt smart, sprich digitale Technologien nutzend, soll die neue Stadt sein.
Das „Neue Bauen 2.0“- es scheint in greifbarer Nähe.


 
 
Architektouren 2020: Teilnahme im digitalen Raum

Online-Videorundgang zum Bauvorhaben Polizeibootshaus in Bad Wiessee

Aufgrund der Corona-Krise beschloss die Bayerische Architektenkammer die Verschiebung aller Events zu den Architektouren 2020 in den digitalen Raum, sehen Sie hier den Beitrag des Architekturbüros Claudia Schreiber:


https://www.byak.de/planen-und-bauen/projekt/neubau-bootshaus-polizei-bad-wiessee.html


Anders als in den vorangegangen Jahren muss nun von Präsenzveranstaltungen im Rahmen der Architektouren 2020 abgesehen werden. Der Vorstand der Bayerischen Architektenkammer (BYAK) sah sich angesichts der im Zusammenhang mit Corona getroffenen Beschränkungen dazu gezwungen, alle geplanten Events, darunter die kinderArchitektouren, abzusagen. Am letzten Juni-Wochenende hätten Interessierte qualitätvolle Planungen und deren realisierte Ergebnisse aus den Bereichen Architektur, Landschafts-, Innenarchitektur sowie Stadtplanung besichtigen können. Üblicherweise verzeichnet die jährlich stattfindende Präsentation von Architektur in Bayern über 20.000 Besucher. Die Architektouren 2020 finden jedoch, auch wenn im geschmälerten Format, statt: Alle Architektouren-Projekte werden online gestellt und das Booklet in kleinerer Auflage produziert. An weiteren Lösungen, um die breite Öffentlichkeit an den diesjährigen Architektouren teilhaben zu lassen, wird laut Bayerischer Architektenkammer gearbeitet.


Das Architekturbüro Schreiber ist Teilnehmer der Veranstaltungsreihe und informiert über das neu errichtete Polizeibootshaus in Bad Wiessee. Das in einem 5-minütigen Video von Architektin Claudia Schreiber vorgestellte Bauprojekt finden Sie, samt projektbezogener Daten, auf dieser Website und auf der BYAK-Homepage unter https://www.byak.de/planen-und-bauen/projekt/neubau-bootshaus-polizei-bad-wiessee.html

 
 
Neubau Bootshaus, Bad Wiessee

Neubau eines Bootshauses für die Polizeiinspektion in Bad Wiessee

Projektbeschreibung

Am Westufer des Tegernsee zurückgesetzt liegt das neue Bootshaus der Polizei an Land.

Baudaten

Standort

Am Strandbad
83707 Bad Wiessee

Bauherr

Freistaat Bayern, Staatliches Bauamt Rosenheim

Bauzeit

November 2017 - September 2019

Nutzfläche

104m²

Sonstiges

Mitarbeit: Anja Sirrenberg

Planungsteam

Architektur

Claudia Schreiber Architektur und Stadtplanung GmbH

Landschaftsarchitektur

Dipl.-Ing. Wolfgang Hermann Niemeyer Landschaftsarchitekt

Tragwerksplanung

Sailer Stepan und Partner GmbH

Energietechnik

Staatliches Bauamt Rosenheim

 
 
AWA Ammersee Fertigstellung Rohbau, Herrsching

Der Rohbau für die neuen Betriebswohnungen der AWA Ammersee ist fertiggestellt.

Projektbeschreibung

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Baudaten

Standort

Goethestrasse Herrsching

Bauherr

AWA Ammersee GkU

Sonstiges

Planungsteam

Architektur

Claudia Schreiber Architektur und Stadtplanung GmbH

Landschaftsarchitektur

Wolfgang Niemeyer Landschaftsarchitekt

Tragwerksplanung

Sailer Stepan und Partner GmbH

Energietechnik

IB Roll

Elektroplanung

VS planen+beraten GBR

 
 
Baubeginn Bootshaus, Bad Wiessee

Neubau eines Bootshauses am Tegernsee.

Projektbeschreibung

Das Polizeiboot am Tegernsee suchte schon seit längerem nach einem neuen Zuhause.

Baudaten

Standort

Bad Wiessee

Planungsteam